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roadtrip neuseeland ׀ wenn die erde bebt in christchurch …

28. Juli 2018

… dann ist das ein unheimliches gefühl. vor allem nach dem großen erdbeben von 2011 mit dem epizentrum nahe christchurch, dass 185 menschen das leben kostete und über 10.000 wohnhäuser sowie etliche historische gebäude, büros und hotels zerstörte. die stadt sieht auch heute immer noch nach großbaustelle aus. das grau in grau des wetters während unseres stadtspaziergangs verstärkt die dramatik noch. genau wie das erdbeben, dass wir während unseres aufenthalts erleben. beklemmend! aber die stadt ist voller hoffnung!

2.000 kilometer-grenze geknackt

schweren herzens lassen wir die wale und kaikoura hinter uns und machen uns auf den weg richtung christchurch. als wir, ganz am anfang, unseren gastgebern in auckland erzählt haben, dass wir nach christchurch wollen, waren diese wenig begeistert von der stadt. aber wir haben uns dennoch entschieden, nach christchurch zu fahren.

an der küste beobachten wir ein paar surfer, die den frischen aber sonnigen morgen für einen wellenritt nutzen. heute stehen nur etwas über zweieinhalb stunden fahrt an und unser neues domizil kann erst nachmittags bezogen werden. mittlerweile haben wir mit franz-josef schon über 2.000 kilometer zurückgelegt. was in neuseeland echt doof ist, ist die tatsache, dass es an den unendlichen straßen zwar immer wieder haltebuchten mit sitzgelegenheiten gibt, toiletten aber gibt es nicht. pippi machen (für mädchen) muss deshalb genau wie das tanken immer von ort zu ort geplant werden. dafür gibt es an den sehenswürdigkeiten eigentlich immer toilettenhäuschen.

apropos fortbewegung

züge gibt es übrigens auch nur wenige. wenn, dann zieht sich immer nur ein gleis durch die landschaft und man wäre nicht überrascht, wenn einem plötzlich eine quietschende draisine entgegen käme. das heißt, der schienenverkehr ist wohl sehr begrenzt und geht immer nur in eine richtung. morgens hin, abends zurück oder so. mehr als einen oder zwei güterzüge haben wir bis jetzt nicht gesehen. das meiste wird wohl in trucks über die straßen transportiert. touristen haben entweder einen mietwagen, einen camper oder ein paar wenige stehen auch trampend am straßenrand. ohne auto ist man auf den kleinen zwischenetappen wahrscheinlich ziemlich aufgeschmissen!? franz-josef, wir lieben dich! voll der luxus, dass man grade nicht mehr alles in den rucksack quetschen muss. dafür sieht unsere rückbank manchmal ziemlich abenteuerlich aus. im kofferraum befindet sich außer unseren rucksäcken noch mehr wertvolle fracht: unsere lebensmittelkiste.

wintersonne

da die sonne lacht, begeben wir uns, in der stadt angekommen, direkt in den botanischen garten. wir suchen uns ein lauschiges plätzchen auf einer bank, verdrücken ein paar sandwiches, schlürfen unseren heißen tee und genießen die wärmenden strahlen auf unserer haut. um uns herum hüpfen ein paar amseln, die sich um die herunterfallenden krümel zanken. ein paar meter weiter rufen kinder aufgeregt ihre eltern, da sie einen neuen hinweis der schnitzeljagd entdeckt haben. von der nachbarbank dringen aufgeregte, unbekannt klingende sprachfetzen herüber. entspannt schließen wir für einen moment die augen, bevor wir noch eine runde durch den park drehen, um die erstaunlichen, alten bäume mit ihren dicken, teilweise verschlungenen ästen zu bewundern. im sommer ist es bestimmt noch um ein vieles schöner hier, wenn alles in bunten farben blüht.

speed-sightseeing tag eins

am frühen nachmittag machen wir noch einen klitzekleinen abstecher in die innenstadt und werfen einen blick auf das neugotische gebäude des ‚arts centre‘, das im früheren canterbury college untergebracht ist. und ich begegne einem der restaurierten straßenbahn-wagen, in denen man auf einem rundkurs bequem die stadt erkunden und den erzählungen des fahrers lauschen kann.

niemand zuhause

leider ist die gastgeberin nicht wie besprochen zuhause und wir stehen vor verschlossener tür. na toll. gott sei dank erinnere ich mich an das wlan-kennwort, das ich zufällig irgendwo gelesen habe. meist kriegen wir das erst beim einchecken. prompt hat uns die junge frau geschrieben, dass sie nicht da ist und wir den schlüssel einer box entnehmen sollen. das haus ist echt ein träumchen. eine neuseeländische holz-villa. mit großem erkerfenster in der küche, hohen decken und halbhoher holzverkleidung an der wand. alles hell und geschmackvoll eingerichtet und, ihr ahnt es schon, eiskalt! in unserem zimmer hängt ein weißes, flaches brett an der wand und ich vermute zwar, dass es die heizung ist, finde aber erst mal keinen schalter. irgendwann dann doch, aber das ding wird ewig nicht warm. der einzig warme platz ist mal wieder unter der bettdecke. krasse nummer das immer.

willkommen!?

leider ist auch unsere gastgeberin nicht die warmherzigste person. freundlich, aber irgendwie doch sehr reserviert. die küche darf zwar mitbenutzt werden, aber wir haben immer das gefühl, dass wir stören. normalerweise gibt es eine kleine einweisung: was wo zu finden ist. mal kurz die schranktüren öffnen, geräte erklären etc. das fällt hier aus. meist zieht sie sich zurück, wenn wir in der nähe sind. aber sie gibt uns einen guten tipp für unsere wäsche: ein cafe mit eigener rösterei und integrierter laundry, also waschmaschinen zum selber wäschen.

waschvormittag

unsere erste anlaufstation am regnerischen nächsten tag. frische wäsche wird dringend benötigt und es gibt im haus zwar auch eine waschmaschine gegen gebühr, aber keinen trockner. lufttrocknen können wir bei der menge und aufgrund der wetterlage und temperaturen auch vergessen. also nehmen wir den tipp dankbar an. das cafe ist riesig und gerammelt voll. während unsere wäsche ihre runden in waschmaschine und trockner dreht, gönnen wir uns einen kaffee und ich haue ein bisschen in die tasten. manchmal lässt es sich grade an solchen (lauten, stimmungsvollen) orten besonders gut schreiben. beim aussortieren der wäsche aus dem trockner komme ich mit einer jungen frau ins gespräch, die uns noch ein paar tipps für unsere anschließende stadtbesichtigung gibt. wie schade, dass es draußen so trist ist. aber immerhin regnet es nicht mehr. komischerweise ist das wetter meist dann übel, wenn wir die städte des landes besuchen.

begegnungen

vom duft der pitas angelockt, halten wir einen kleinen smalltalk mit dem erst etwas grimmig dreinschauenden griechen am imbissstand, der tatsächlich eine schwester hat, die in freiburg lebt. wir legen ihm ans herz, sie unbedingt zu besuchen. am besten im neuseeländischen winter, scherzen wir mit eingezogenem nacken. ein kalter wind fegt durch die fussgängerzone und wir treffen auf den ersten obdachlosen in neuseeland. es ist nur wenig kleingeld, dass wir noch im geldbeutel haben und ich drücke es ihm mit einer entschuldigung in die hand. er schaut, zählt kurz, registriert, dass es sehr wenig ist und meint dann bescheiden: „it helps“. es hilft…

offene wunden

wie anfangs erwähnt wurde christchurch bei dem erdbeben 2011 schlimm getroffen. in der innenstadt sind mittlerweile viele neue läden und bürogebäude entstanden. man ist bestrebt, christchurch zur ‚lebenswertesten stadt der welt‘ zu machen. das augenmerk bei der art der gebäude liegt auf dem schutz der nutzer in verbindung mit neuer ästhetik. so sind schon einige architektonisch sehr interessante und ausgefallene bauwerke entstanden. dennoch gibt es massenhafte leere, unbebaute flächen. hinter einem großen schaufenster sehen wir über den boden verteilt bücher liegen. bei genauerem hinsehen stellen wir fest, dass das ganze gebäude leersteht und die außenseiten gestützt werden. der ehemalige buchladen, so scheint es, musste hals über kopf verlassen werden. einsturzgefahr. überall in der stadt verteilt stehen kräne, große, graue wände wurden mit bunten graffitis besprüht, um der stadt farbe und leben einzuhauchen.

lückenfüller-projekt

genau das ist auch die ambition des ‚gap filler‘ projekts. hinter den ‚lückenfüllern‘ steht ein kreatives, soziales unternehmen, dass es sich zur aufgabe gemacht hat, die klaffenden wunden und lücken in der stadt mit hilfe von kreativen installationen zu schließen. der anfangsgedanke der katastrophenhelfer, beim wiederaufbau zu helfen, wandelte sich innerhalb kürzester zeit derart, dass die idee entstand, die ’neue stadt‘ mitzuentwickeln und eine lebendige lebenskultur zu ermöglichen. ziel des projekts ist nun, dass die teils (temporären) einrichtungen zum wohlergehen der menschen und des ortes beitragen, die kreativität gefördert und die menschen mit positiver energie motiviert werden. viele projekte werden mit unterstützung von bürgerinitiativen und künstlern realisiert. die palette ist breitgefächert. angefangen beim basketball-platz in der innenstadt, urban gardening, überdimensionale spraydosen zum besprühen, gigantische sitzgelegenheiten aus kunstgras, fahrrad-reparatur-workshops und einer megagroßen spielekonsole mit bildschirm an der hauswand. es gibt wirklich unglaublich viel zu entdecken!

berührend

gegen ende unserer tour stehen wir vor der installation ‚185 leere, weiße stühle‘. jeder stuhl steht für ein opfer des erdbebens 2011. so unterschiedlich wie die menschen, sehen auch die stühle aus. dazwischen kinderhochstühle und ein maxicosi – symbolisch für die verunglückten kinder. an einem informationsstand hängen listen mit den namen der opfer, viele auch aus dem ausland, vor allem aus japan und china. es ist so schon unfassbar berührend, wenn man vor den leeren stühlen steht. geht man aber durch die stuhlreihen hindurch und stellt sich dabei die gesichter der menschen vor, die auf den stühlen sitzen könnten, wird es sehr bedrückend.

zum abschluss besuchen wir die ‚christ church cathedrale‘, die hinter einem hohen bauzaun versteckt, mit ihrem schicksal hadert. der historische turm ist komplett eingestürzt und hat einen teil des seitenflügels zerstört. stefan hat gelesen, dass man sich noch nicht einig ist, was mit dem ‚verwundeten‘ wahrzeichen passieren soll. abriss, neubau, sanierung. keine ahnung, was in so einem fall besser ist? die erhaltung eines mahnmals, der nachbau oder vielleicht etwas ganz neues, zukunftsorientiertes? die vergangenheit hinter sich lassen? schwierige entscheidung…

das beben

mit den verschiedensten eindrücken aus der stadt machen wir uns auf den heimweg in unser schönes, aber kaltes zimmer. auch von der sozialen kälte (etwas übertrieben formuliert) lassen wir uns nicht abhalten und kochen uns noch spät pasta zum abendessen. allerdings nehmen wir unsere teller mit ins zimmer und essen dort. und wie wir da so sitzen, fängt plötzlich die wand zu wackeln an. kennt ihr dieses gefühl, wenn ein lkw nahe an einem haus vorbei rauscht und man die erschütterung spürt? so fühlt sich das an. allerdings bleibt es nicht dabei, sondern das wackeln zieht von der wand über den boden und plötzlich vibriert alles. das ganze haus. erschrocken halten wir beide inne und schauen uns ungläubig an. in den ersten sekunden sagt keiner was. wir schauen und warten. nach einer gefühlten ewigkeit frage ich stefan verwirrt: „scheiße, das war ein erdbeben, oder?“ er nickt. wir sitzen immer noch ganz ruhig, ohne uns zu bewegen. abwartend. überlegend. als nichts mehr passiert, fangen wir uns langsam. „wie spuky ist das denn, bitte? war das wirklich ein erdbeben?“ ich kann es nicht fassen.

reaktionen

den ganzen tag über in der stadt war die katastrophe von damals präsent und am abend werden wir selbst zeuge, wie die erde in christchurch bebt. ich gebe zwei wörter in google ein: earthquake und christchurch und tippe auf ’news‘. und da steht es schwarz auf weiß. ein erdbeben der stärke 4.0. innerhalb kürzester zeit melden sich bei einer zeitung mehrere tausend bewohner, um ihre gefühle und reaktionen zu beschreiben. ganz unterschiedliche. manche sehr emotional, einige sehr abgeklärt. verunsichert hoffe ich, dass es bei dem einen beben bleibt. unsere gastgeberin ist schon in ihrem zimmer, als wir in die küche gehen, um zum spülen. erst am nächsten tag erzählt sie mir auf nachfrage, dass das eines der stärkeren beben war, das sie erlebt hat. und ja, sie hatte auch kurz angst, die arme. alleine ist das bestimmt noch viel schlimmer.

subjektive meinungen

für den nächsten tag ist besseres wetter vorhergesagt und wir machen einen ausflug mit franz-josef in das kleine örtchen akaroa, von unserem reiseführer angepriesen als das kulturelle highlight der halbinsel ‚banks peninsula‘. was schön aussieht, ist der blick von oben, in die fjordähnlichen buchten, die ins inland ragen. auf der landkarte sieht das ganze aus wie ein zahnrad. akaroa selbst finden wir jetzt allerdings nicht so prickelnd. die häuschen die hier stehen, sind ganz süss, aber ansonsten gibt es nicht all zu viel zu sehen.

traue niemals deiner offline-karte

bei der weiteren tagesplanung tappen wir mal wieder in die offline-google-maps-falle. ich lese was von horomaka (noch eine kleine insel auf der halbinsel) und sehe auf der offline-karte, dass wir da noch hin fahren könnten, damit wir nicht den gleichen weg wieder zurück fahren. also warum eigentlich nicht? anfangs sieht alles noch normal aus, aber irgendwann wechselt der straßenbelag mal wieder in schotter. spätestens da hätten wir stutzig werden müssen. aber wir fahren weiter. immer steiler den berg hinauf. die ’straße‘ wird enger und weit und breit ist niemand zu sehen. mist. das war eine blöde idee. der weg ist wirklich übel, nass und an den seiten geht es ziemlich steil runter. zum umkehren ist es allerdings auch zu spät, es gibt nicht wirklich eine gelegenheit. ich bete innerlich, dass uns nichts und niemand entgegen kommt und mir ist leicht übel. stefan nimmts mit humor und gelassenheit. irgendwann begegnet uns ein fahrradfahrer, der den steilen berg hoch strampelt. mit überraschtem blick registriert er uns und denkt sich wahrscheinlich seinen teil. ts, ts, ts. diese touristen.

dreckspatz franz-josef

gott sei dank kann der autovermieter nicht kontrollieren, wo wir so rumkurven. die dreckspritzer auf franz-josefs lack sind mittlerweile mehrfarbig, da immer wieder eine neue schicht dazu kommt. ich bin heilfroh, als wir endlich unbeschadet in dem mini-örtchen ankommen. voll die idylle. in einem gigantischen baum hängen erwartungsfroh ein paar schaukeln, wellen umspielen die pfeiler des langen stegs und über die runden kiesel am ufer plätschert sanft das wasser. wir lassen ein paar steine über das in der sonne glitzernde nass hüpfen und genießen einen moment die ruhe. die weiterfahrt findet wieder auf zivilisierten straßen statt. keine besonderen vorkommnisse. obwohl, stimmt nicht. wir erhaschen einen ziemlich spektakulären blick über die stadt in der abenddämmerung. im hintergrund strahlen die ’southern alps‘, spektakulär in szene gesetzt von einem dunklen wolkenband.

christchurch wird mir persönlich insgesamt etwas dramatisch in erinnerung bleiben, aber dennoch keineswegs mit einem schlechten gefühl. es ist bestimmt spannend, in ein paar jahren zurück zu kommen und zu sehen, wie sich die stadt entwickelt hat.
 
 

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kommentare

  1. Hi, verfolge dich immer noch von Zeit zu Zeit. Find toll was du machst. Dir und deinem Freund weiterhin alles Liebe und gute.
    Mit Erdbeben kennen wir uns ja aus. LG michi

    1. hallo michi. ja, es ist ziemlich aufregend alles und wir sind sehr dankbar dafür. dir auch alles gute und viele grüße nach bayern!

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