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indien ׀ varanasi – heilige stadt mit einer leidenschaft für bunte drachen

8. Januar 2018

alter, ist das kalt hier. als wir abends in varanasi ziemlich hart gelandet sind (es war dunkel und plötzlich machte es fump! und wir hatten boden unterm flieger), haben wir noch geschmunzelt, weil alle so eingepackt waren. mit dicken mützen und tüchern um den kopf. an den füssen wie immer flip flop bzw. offene schuhe.

wir sind am letzten ziel unserer indien-reise angekommen und sind wahnsinnig gespannt, was uns hier erwartet. varanasi gilt als die heiligste aller städte in indien. sie ist sehr spirituell und wohl auch speziell, das sagte man uns bisher zumindest überall. aber wir lassen uns überraschen.

unser prepaid-taxifahrer ist ein zauberhafter mann aus varanasi. er empfängt uns sehr freundlich und warmherzig. wenn der aufenthalt in einer stadt schon so nett beginnt, kann es nur gut werden. auf der fahrt richtung stadt erzählt er von seiner familie. wie die meisten ist er verheiratet und hat drei töchter. die älteste wird im mai diesen jahres heiraten und er ist sehr froh, denn seine tochter mag ihren zukünftigen mann. sie konnten sich kennenlernen und er hat die entscheidung seiner tochter überlassen, ob sie den mann tatsächlich heiraten möchte. nach der hochzeit wird sie nach mumbai umziehen, da ihr zukünftiger mann dort einen job in der bank hat. er selbst arbeitet von früh morgens bis spät abends, um seine töchter glücklich zu machen. seine ehe ist gescheitert. glücklich ist er nicht wirklich. aber man fügt sich in seine rolle. nein, er hat auch keine freundin. obwohl seine frau das immer vermutet, da er abends immer spät heimkommt. sein wunsch, wenn er einen frei hätte: sich ausruhen.
wenn er 50 ist, sagt er nachdenklich, müssten seine töchter versorgt sein. mit 60 kann er dann hoffentlich aufhören zu arbeiten. wir notieren seine telefonnummer und verabreden, dass er uns auf jeden fall am 9. januar wieder zum flughafen fahren wird.

in unserer unterkunft angekommen, wissen wir warum alle so dick eingepackt sind. unser deluxe-zimmer beinhaltet ein bett und ein bad. die rucksäcke stehen ums bett herum und wir haben einen kleinen freien weg raus aus dem zimmer bzw. ins bad. und: es ist arschkalt!

stadt der erleuchtung

nachdem wir unser gepäck abgeladen haben gehen wir runter in das privatzimmer unseres hosts. wir sitzen alle im schneidersitz auf seinem bett, neben uns eine steinschale mit holzkohle und er erzählt uns die entstehungsgeschichte von varanasi. seine frau kocht uns währenddessen ein abendessen. er selbst hat einige zeit als musiker in deutschland verbracht und bemängelt, dass viele deutsche nach indien reisen, im 5-sterne-hotel absteigen, sich den ganzen tag im klimatisierten auto herumkutschieren lassen und so das land und die menschen die hier leben eigentlich gar nicht wirklich kennenlernen. aber sich damit brüsten in indien gewesen zu sein. er erzählt uns über shiva, ganesha und die anderen götter, über die einzelnen ghats (das sind die steinernen treppenstufen hinunter zum ganges, unterteilt in verschiedene bezirke, wo die gläubigen sich unter anderem im heiligen fluss waschen) und dass jeder, der den boden von varanasi berührt hat quasi erleuchtet ist. viele inder kommen tatsächlich zum sterben hierher. aber dazu später mehr. er erzählt, wir hören zu und essen nebenher unser abendessen.

zurück im zimmer kommen wir schnell wieder ins schlottern. wir packen uns in mehrere lagen klamotten, dann in unseren dünnen schlafsack und unter die dicke decke. die nacht ist kalt. sehr kalt. wir schlafen beide nicht wirklich viel, weil einer von uns immer aufgedeckt ist. die heiße dusche, auf die wir uns am nächsten morgen freuen, funktioniert leider auch nicht. also katzenwäsche. alles ist klamm. erinnert mich ein bisschen ans zelten. um uns aufzuwärmen müssen wir raus.

die ersten eindrücke

draußen kämpft sich die sonne durch den nebel. 14 grad. wir hätten die sonne mitgebracht, sagt man uns. sie scheine das erste mal seit tagen. na das hört man doch gerne. auf der straße erwacht das bunte leben. unser blick vom balkon geht direkt richtung ganges, der grau und regungslos vor uns liegt. im fluss liegt ein goldenes boot, eine art meerjungfrau. am bug der kopf und hinten eine schwanzflosse. davor auf einem grossen, brachliegenden feld spielen ein paar kinder. zwei jungen wollen ihre drachen steigen lassen. da es fast keinen wind hat, denke ich, der versuch wird scheitern. aber weit gefehlt. die jungs haben eine ausgefeilte technik und in kurzer zeit schwebt der drache hoch im himmel über dem heiligen fluss und sagt den vögeln hallo. die bunten drachen begegnen uns in den nächsten tagen überall in varanasi. über den ghats, in der altstadt. überall stehen die menschen auf treppen und dächern und lassen die drachen fliegen. hunderte. jeden tag. es ist ein wunderschönes bild, das mich immer wieder aufs neue fasziniert und ich bewundere die stadt bzw. die menschen für diese leidenschaft. fotografisch lässt es sich leider schwer einfangen, da sie zu hoch am himmel stehen. aber das ist eines der besonderen bilder, die ich mir in meiner erinnerung bewahren werde.

unten auf der straße hören wir einen jungen rufen. er liegt quer auf den armen eines mannes und wurde „entführt“. er ruft und strampelt lachend, aber der mann trägt in unbeirrt weiter. alle umstehenden lachen ebenfalls und als er endlich befreit wird, rennt er breit grinsend zu seinem ausgangspunkt zurück. im „bauhof“ auf der anderen seite treffen nach und nach die arbeiter ein. sie parken ihre fahrräder und los geht’s. in einem winkel haben sie sich eine gemütliche sitzecke eingerichtet. ein paar meter weiter im fahrrad-rikscha-park machen sich die männer ebenfalls für den tag bereit. noch tragen alle mützen und tücher um den kopf gewickelt aber man spürt, dass die sonne immer kraftvoller wird.
die straße wird gefegt, daneben spielen kleine kinder mit hundewelpen. vor einem der klitzekleinen läden stehen die männer zusammen, trinken ihre dampfenden chai-tees und wärmen ihre finger an den bechern. das feuer, dass sie frühmorgens gewärmt hat, verabschiedet sich bis zum sonnenuntergang.

lieblingsstadtteil

wir wohnen ganz in der nähe des assi ghats und tauchen somit gleich ein in die besondere atmosphäre von varanasi. die stadt erobert mein herz im sturm. zumindest in teilen. obwohl sie mich auch sehr nachdenklich und irgendwie melancholisch werden lässt. aber auf eine beruhigende und entspannte art.

und so schlendern wir mit viel zeit von ghat zu ghat und lassen die einzelnen abschnitte auf uns wirken. da hier keine autos, fahrräder oder tuk tuk fahren ist es sehr ruhig und angenehm. viele menschen gehen ihrem gewohnten tagwerk nach. frauen sitzen am ufer und waschen wäsche, die anschließend überall zum trocknen aufgehängt und ausgebreitet wird. männer von jung bis alt baden und seifen sich ein. ein kleiner junge sträubt sich unterzutauchen und wird so lange im wasser gehalten, bis er es tut. er schüttelt sich wie ein nasser hund und sucht schnell das weite, um sich anzuziehen.

überall sitzen verkäufer und bieten ihre auf bunten tüchern ausgebreiteten waren an. es werden schlüsselanhänger gesägt und perlen auf halsketten aufgefädelt. zwischendurch das gewohnte bild der chaiverkäufer. wir kosten einen klaren zitronen-chai den wir so noch nicht hatten. sehr lecker! überall auf den plätzen gibt es kleine grüppchen, die sich angeregt unterhalten, hier und da wird zeitung gelesen. ziegen klettern auf den steinernen vorsprüngen und die streunenden, unaufdringlichen hunde suchen sich ein plätzchen für ihren mittagsschlaf. kühe und büffel gehören auch in varanasi zum normalen stadtbild.
auf den stufen sitzen aber auch viele einzelne menschen. es scheint, als sind sie tief in ihre eigenen gedanken versunken. tempel und paläste säumen den weg an den ghats. einige gut erhalten, andere vom zerfall gezeichnet. am ufer liegen zahlreiche bunte ruderboote und ungefähr alle zwei minuten werden wir gefragt, ob wir nicht mit dem boot fahren möchten. nein, danke, heute nicht. hier und da werden boote repariert. der boden ausgebessert, die reeling neu geschliffen. vereinzelt liegen bunte deckenbündel in der sonne. bei genauerem hinsehen sind es schlafende, die sich nach der kälte der nacht im sonnenlicht aufwärmen. die wände sind oft mit graffitis und mit werbung bemalt. erlaubt ist das nicht, sagt man uns auf rückfrage. aber da einige der bilder nicht mal schnell gemalt sind, gehen wir davon aus, dass es vielleicht geduldet wird bzw. gegen ein kleines „trinkgeld“ die augen verschlossen werden.

bescheidener heiliger

ob sich der heilige fluss ganges seiner berühmtheit bewusst ist? still und leise zieht er vor sich hin. gibt sich bescheiden. angeblich ist er ziemlich verunreinigt, was die gläubigen hier, die sich darin waschen, nicht zu stören scheint.

rauch liegt in der luft und an den schwaden über dem nächsten ghat erkennen wir, dass wir am harishchandra ghat angekommen sind. eines der ghats, an dem die toten öffentlich verbrannt werden. tag und nacht. wie schon erwähnt kommen viele gläubige nach varanasi, um hier zu sterben. wer nur einmal den boden varanasis berührt, gilt als erleuchtet. wer hier stirbt erlangt sofort ‚moksha‘, die erlösung. oben auf dem platz lagert ein riesiger berg holz. ein baum wird grade gefällt und die stücke fallen krachend in das am boden liegende geäst.

vom leben und sterben

am ufer sind holzstapel geschichtet, manche sind schon fast abgebrannt und weißer rauch steigt auf. eine bahre mit einer frau, bedeckt mit goldenen und orangefarbenen stoffen und geschmückt mit blumengirlanden wird ans ufer des heiligen flusses getragen. die stoffe werden abgenommen, die blumengirlanden dem fluss übergeben. die frau ist nur noch in ein weisses tuch gehüllt und wird mit dem heiligen wasser des ganges gewaschen. wir stehen ein stück weit entfernt und beobachten die rituale. stefan wird es bald zuviel und er zieht sich zurück. ich bin neugierig, da das hier zum leben und zu der kultur dazu gehört. fotos mache ich natürlich keine. meine kamera habe ich demonstrativ weggepackt. da es für die gläubigen hindus die erfüllung ist hier zu sterben und am ufer des ganges eingeäschert zu werden, möchte ich der zeremonie ein stück weit beiwohnen. eine andere frau, die schon auf das geschichtete holz aufgebahrt wurde, wird vorsichtig mit holz bedeckt. ihr gesicht bleibt frei und ist zu sehen. der mann, der kurz zuvor noch neben mir stand, begibt sich nach unten neben die tote. ob es seine frau war? als das geschichtete holz anfängt zu rauchen, der weiße rauch in den himmel steigt und ich oben die vielen drachen fliegen sehe, übermannen mich meine gefühle. ich setze mich zu stefan auf die treppe. das ganze berührt mich derart, und ich muss erst mal ein bisschen weinen. sterben gehört zum leben dazu. das wissen wir alle. das schöne ist, dass es hier ein bisschen seinen schrecken verliert. weil die menschen hier wissen, dass die erlösung wartet und sie genau diese erstreben. dennoch ist es für uns ungewöhnlich. und für mich traurig. aber gut. deshalb geht auch gleich daneben alles seinen normalen gang. auch die kinder hier kennen es nicht anders.
am ende wird die asche der toten in den heiligen fluss gestreut.

wir reden übers leben und sterben und wandern weiter über die treppen einer der ältesten und heiligsten städte indiens und landen irgendwann in den engen gassen der altstadt. das pflaster der wege fordert unsere völlige aufmerksamkeit. uneben, kaputt und von hinterlassenschaften der kühe gezeichnet. kleine läden säumen den weg. blank polierte souvenirs strahlen mit bunten textilien um die wette. viele der kleinen häuschen sind kunterbunt angemalt. knalliges pink, frisches türkis und zartes lindgrün stehlen sich gegenseitig die show. wir stossen auf einen tempel der innen vollkommen mit holz ausgestattet ist. die decken sind wundervoll bemalt. es gibt statuen der verschiedenen götter und einer der gläubigen hat einer gottheit wohl sein lieblingsdessert geopfert. kokosnusspudding nebst blumenkette. leider durfte man im tempel nicht fotografieren.

im shiva-cafe essen wir zu mittag. angelockt durch den schriftzug „german bakery“ sind wir hier gelandet. in dem cafe sitzen nur touristen, aber es ist sehr günstig und es schmeckt. leider waren wir bei der backwaren etwas zu langsam. als wir uns zum dessert welche aussuchen wollen, sind die besten schon vergriffen. mist, aber auch.

begegnungen

an einer straßenecke wird in einer kleinen bude gerade frischer chai-tee zubereitet. wir schauen zu und warten. antonio, typisch indischer name, spricht uns an und frägt uns, ob wir nicht in seinem laden vorbei schauen wollen. nein danke, wir brauchen nichts. nur schauen, nicht kaufen. wir unterhalten uns ein bisschen und er will uns unbedingt seine visitenkarte geben und uns bei seiner familie auf einen tee einladen. gerne auch morgen. wir müssen nichts kaufen. wir nehmen die karte und begrüssen auch noch seinen bruder ali. unseren chai können wir ausnahmsweise auf der straße aus einem glas genießen. das ist neu. es gibt winzige hocker, auf denen wir uns niederlassen. drei ältere inderinnen kommen dazu und wir bieten ihnen unseren platz an. das gefällt den dreien und sie reden verzückt auf mich ein. was, verstehe ich leider nicht, aber ihren gesichtern nach zu urteilen meinen sie es gut mit mir. wir verabschieden uns von antonio, dem tee-verkäufer und den damen, ziehen weiter und landen am schaufenster von syead majid ali. stefan wurde von den tollen aufnähern angezogen, die er in reiner handarbeit bestickt.

für den heimweg begeben wir uns zurück auf die ghats. ein kleiner junge steht plötzlich neben uns. seine augen strahlen und er grinst übers ganze gesicht. ob wir zehn rupie für ihn haben? äh, wofür denn? einfach so, meint er. ich lache und finde seine freche art irgendwie sympathisch. nö, sorry, aber das geht so nicht. okay, meint er. dann vielleicht ein candy, also etwas süßes. wir erinnern uns an die melonenkaugummi die wir gekauft haben und geben ihm einen. vielleicht zwei? ich lache und schimpfe mit ihm, weil er das papier auf den boden schmeißt. da in die tonne sagen wir ihm und tatsächlich trägt er es hin. ich versuche ihn mit seinem drachen zu fotografieren, aber er hüpft nur wild in der gegend herum. ein japaner wird auf ihn aufmerksam und versucht ebenfalls sein glück. moment sage ich, nur gegen ein candy. und der junge lacht begeistert. der japaner ebenfalls, aber ein candy hat er nicht.

ganga aarti

abends finden an manchen ghats verschiedene zeremonien statt. am assi ghat laufen die vorbereitungen für die ganga aarti und wir beschließen zu warten. es wird wieder kalt und es ist schnakenzeit. unten am ufer entfachen die einwohner ein feuer und ich frage, ob wir uns dazu setzen dürfen. ein kleines mädchen mit einem großen korb kommt auf uns zu. sie verkauft kleine schalen mit blumen und teelicht. ich kaufe eins um es später dem ganges zu übergeben. es dauert nicht lange und zwei weitere süsse junge mädels kommen zu uns, um uns weitere lichter zu verkaufen. wir sagen wir nehmen noch eines für stefan und dann beginnt der handgreifliche konkurrenzkampf, wobei eines der lichter fast kaputt geht. am ende drückt stefan jeder der beiden 10 rupie in die hand. schwesterlich geteilt. die ganga aartie beginnt. fünf junge männer in orangefarbene roben gekleidet beten erst zusammen, dann geht jeder an seinen platz und es werden räucherstäbchen und feuerkelche geschwenkt. streng nach choreografie und alles mehr oder weniger synchron. so richtig erschließt es sich uns nicht was passiert und ehrlich gesagt finden wir es auch nicht magisch, wie von vielen beschrieben. es wirkt auf mich null meditativ und die musik aus den lautsprechern ist schrill und überschlägt sich. da haben die ghats während des tages, bevölkert mit den einheimischen und bevölkert von den vielen, bunten drachen eine ganz andere wirkung auf mich. den ganzen tag über hatten wir wieder nette begegnungen. menschen die uns freundlich grüßen, uns die hand reichen wollen, mit uns sprechen oder uns einfach nur zulächeln.

zurück in unserem guest house fragen wir nach einer zweiten decke und der dusche. und siehe da: anwenderfehler. die dusche sollte am nächsten morgen also funktionieren. und mit der zweiten decke haben wir es nachts bestimmt auch kuschelig.

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kommentare

  1. Voll gut, euer Blog! Leben in voller Pracht halt. Und nicht minder prächtig fotografiert und nacherzählt. Mir gefällt sehr, wie ihr auf die Welt zugeht und sie wahrnehmt. Weiter so!

    1. danke lieber nik! lieb von dir : ) wir haben einfach so viele schöne begegnungen und erlebnisse. es passiert so viel… und es ist auch anstrengend, aber es macht waaaaahnsinnigen spass!

  2. wow, es ist so schön das zu lesen. ich war sehr gespannt was du zu varanasi schreibst, denn vor vielen jahren war ich ebenfalls wie verzaubert von der stadt. vieles von dem was du beschreibst habe ich auch so empfunden und es ist etwas ganz besonderes. habt noch eine schöne zeit dort.

    1. hey mone! ja varanasi war auf jeden fall eines meiner indien-highlights! wie du sagst, die stadt ist und hat was besonderes! wenn man sich einlässt, nimmt sie einen gefangen. beitrag 2 dazu kommt demnächst. : )
      danke dir und liebe grüsse!

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