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chile ׀ valparaiso ׀ farbenfrohes kunstmuseum unter freiem himmel

3. Oktober 2018

hübsch oder hässlich? wer mit streetart nichts anfangen kann, ist in valparaiso wahrscheinlich fehl am platz. die stadt lebt von ihren „lebendigen mauern“. valpo, wie die einheimischen sagen, ist bunt, pastellig und dann doch wieder mausgrau. davon abgesehen ist es wohl noch immer ein heisses pflaster. wie früher, als die piraten gerne vor valparaiso die fetten handelsschiffe kaperten. fast traut man sich abends nicht vor die tür, wenn man reiseführer und bewertungen liest. aber, lassen wir uns überraschen…

ein katzensprung

die wohl kürzeste anreise, die wir in südamerika bis jetzt hatten. in etwas mehr als einer stunde fahren wir bequem mit dem reisebus von santiago de chile nach valparaiso. ich habe mich gerade erst gemütlich eingerichtet, sind wir auch schon da. eigentlich hatte uns paz, unsere vermieterin, die strecke bis zur wohnung mit dem bus beschrieben. da das mit dem rucksack tragen aber noch nicht wirklich gut geht, die wunde ist noch zu frisch, nehmen wir uns ein taxi. ist schon lustig, wie man mit ein paar brocken spanisch über den zu hohen preis diskutieren kann. irgendwie geht es dann doch. am ende gewinnt meist der taxifahrer, weil man doch zu müde oder bequem ist, die diskussion mit einem anderen noch mal von vorne anzufangen. aber der gute mann ist putzig. auf meinen kommentar, dass das doch zu viel war, breitet er seine arme aus, zieht die schultern nach oben, zwinkert mir zu und meint lachend: „nein, nicht zuviel. es ist feiertag und ihr seid sicher hier angekommen. keiner hat euch ausgeraubt. alles gut, oder?“

chile feiert seine unabhängigkeit

schon die letzten tage in santiago haben wir die vorbereitungen für die feiertage hautnah mitbekommen. ist ein bisschen so, wie wenn in deutschland die wm stattfindet. überall gibt es fahnen und fähnchen, girlanden und püschel in den nationalfarben. alles wird dekoriert und geschmückt. die eingangshallen der apartmenthäuser, autos, balkone. es gibt sogar anzügchen für hunde. drei tage lang feiern die chilenen ihren unabhängigkeitstag und fast alles ist geschlossen.

gastfreundschaft

ob wir wohl noch was einkaufen können? paz, unsere chilenische vermieterin, die auch ein bisschen deutsch spricht, hat sofort eine lösung parat. ohne zu zögern greift sie zum telefon und schickt michi, ihren österreichischen mann, für uns auf den markt. kurze zeit später steht er vor unserer tür. wir kriegen brot, butter, käse, eier, erdbeeren und bananen. fürs erste reichts auf jeden fall. die zwei sind super sympathisch und wir unterhalten uns eine ganze weile. über ihren job, sie sind beide architekten, über die chilenen und das reisen im allgemeinen. auf die frage, ob es denn hier wirklich so gefährlich ist, wie in den reiseführern und in einigen bewertungen beschrieben, antwortet paz ein bisschen ausweichend. eigentlich nicht. dennoch sollte man abends die dunklen ecken und vor allem die vielen, engen treppenaufgänge meiden. okay. hört, hört.

stadtgeschichte

die lage des apartments ist mal wieder perfekt. wir wohnen mittendrin im herzen des hafenviertels, direkt neben der ‚iglesia de la matriz‘. als wir morgens zum fenster rausschauen, spazieren unten zwei matrosen über das kopfsteinpflaster. im 17. und 18. jahrhundert war valparaiso die wichtigste hafenstadt chiles. sowohl handelsschiffe als auch walfänger und die schiffe die kap horn umsegelten, landeten als erstes in valparaiso. mit der öffnung des panama-kanals erlitt die stadt den ersten herben rückschlag. dazu die industrialisierung im landesinnern sowie immer wieder große erdbeben und verheerende brände, die teile der stadt in schutt und asche legten. ganz abgesehen von den menschen, die dabei umkamen.

weit entfernt von öde

die stadt ist wirklich faszinierend und hat so viele gesichter. als wir zum hafen, zum ‚muelle prat‘, laufen, wo die kleinen boote zur hafenrundfahrt ablegen, hören wir jemanden saxophon spielen. als wir den klängen folgen, treffen wir auf den stand eines mannes mit selbstgebastelten, toll klingenden bambus-saxofonen. sein eigenes spiel ist die beste werbung, das lockt die menschen an. und es ist gar nicht so leicht, einen ton heraus zu bekommen. ein kleiner junge ist fleissig am üben. begeistert frage ich ihn, ob ich ein video von ihm machen darf. die kleine hörprobe gibt es auf instagram. am hafen selbst gibt es außer ein paar souvenirgeschäften und den ausflugsbooten nicht so viel zu sehen.

fahrgeschäft

die unzähligen hügel (‚cerros‘) von valpo erinnern wieder ein bisschen an quito. mit dem feinen unterschied, dass es hier, an den ganz steilen stellen, neben den treppen eine art fahrstuhl gibt. die sogenannten ascensors. für wenig geld kann man sich hier die mühsamen stufen sparen, und in einer kleinen kabine nach oben oder unten fahren. die althergebrachten transportmittel sind nicht nur bei touristen beliebt, sondern werden seit jeher auch von den einheimischen benutzt. einige der fahrstühle sind außer betrieb, aber die stadt trägt wohl dafür sorge, dass nach und nach alle wieder instandgesetzt werden.

terrassen mit aussicht

oben auf den anhöhen finden sich vor reizenden häuschen immer wieder kleine plätze und aussichtsplattformen mit einem blick über den hafen und/oder die stadt. neben diversen souvenirständen gibt es, an den zäunen befestigt, gemälde und zeichnungen von diversen künstlern zu bestaunen. der ein oder andere zeichnet auch vor ort. wir zum beispiel verlieben uns in die bildergeschichten von budita. allerliebst die kleinen gemalten episoden, die es bald in unserer wohnung zu bewundern gibt. blühende bunte blumen verbreiten zusammen mit den sonnenstrahlen erste frühlingsstimmung. immer wieder stoßen wir auf verwinkelte gässchen, in denen lustige wimpelketten flattern, und süße cafes und ladengeschäfte versteckt sind. unendlich viele treppen führen nach oben und wieder nach unten. neben einer der treppen ist die fläche schon so glatt geschliffen, dass die touristen auf ihrem hosenboden nach unten rutschen und sich dabei filmen lassen. kann man machen…

abgeratzt, aber charmant

neben den beschaulichen stadtteilen mit den ganz unterschiedlichen häusern, gibt es aber eben auch die viertel, die ziemlich heruntergekommen sind. ohne die bunten, meist gut gemachten graffiti, wäre ein mancher stadtteil und das viele grau wohl schwer zu ertragen. so kommen sie zwar ein bisschen „assi“ daher, aber dennoch mit charme. es wird wirklich nie langweilig, weil es so viel zu schauen, zu staunen und zu fotografieren gibt. valparaiso, die stadt mit den vielen facetten.

potenzial ohne ende

was aber viel wichtiger ist: es gibt noch so viel potenzial. neben den hübschen, bunten einfamilienhäusern wie zum beispiel am ‚paseo gervasoni‘, die gegen ende des 19. jahrhunderts gebaut wurden, gibt es grade in dem stadtteil, in dem wir wohnen, noch zahlreiche alte häuser, die zwar halbverfallen aber dennoch soweit in takt sind, dass man sie wunderschön herrichten könnte. teilweise stehen gar nur noch die alten, verspielten fassaden. an einigen stellen in der stadt, ist die verschmelzung von alter und neuer architektur schon sehr gut gelungen. vielleicht fehlt es ja noch an geld oder investoren? ein mancher sollte vielleicht auch an der gestaltung des schaufensters arbeiten. so gesehen bei einem restaurant, an dem wir mehrmals vorbei gelaufen sind, und in dem nie ein mensch saß. das könnte vielleicht an den puppen im schaufenster liegen (siehe bilderslider).

menschen ohne obdach

die zentralen plätze in unserem stadtteil, so wie auch der kirchenplatz vor unserem apartment, sind fast alle von obdachlosen bevölkert. manche betteln ab und an nach geld, aber ansonsten sind sie nicht wirklich aufdringlich. unsicher fühlen wir uns jedenfalls in den tagen, in denen wir unterwegs sind, nie. nichtsdestotrotz würden wir die dunklen ecken nachts meiden.

retro-charme

im neueren teil der stadt befindet sich mehr oder weniger das einkaufszentrum. aber auch hier versprüht alles so ein bisschen einen 70er-jahre retro-charme. egal ob schilder, gebäude, einrichtungen – sogar die klamotten der leute. am ‚plaza victoria‘, rund um den schönen brunnen, probiert sich die jugend auf dem skateboard, der opa verfüttert mit der enkelin popcorn an die tauben und ein paar studenten sind wild gestikulierend am diskutieren.

krasse viecher

paz hat uns von den tieren erzählt, die teilweise am strand anzutreffen sind. da die beine schon müde sind und uns der weg ein bisschen zu weit ist, fahren wir zwei stationen mit der metro. der stadtstrand ist überraschend schön und gut besucht. ein paar kinder stehen sogar mit den beinen im wasser. noch ist hier ja winter. aber tagsüber ist es herrlich warm. von tieren ist allerdings erst mal nichts zu sehen. dann entdecke ich aber doch so halb unter einem steg einen wilden haufen mit mächtigen brummern von mähnenrobben. unfassbar, wie groß die tiere sind. über eine mauer etwas oberhalb nähern wir uns der gruppe und beobachten sie aus sicherem abstand eine ganze weile. viel passiert nicht. die braunen riesen liegen relativ entspannt in der sonne. ab und an bäumen sie sich kurz auf, wenn sie sich durch touristen oder spaziergänger in ihrer ruhe gestört fühlen. kurz darauf plotzen sie in den sand zurück und lassen sich erneut die sonnenstrahlen auf den pelz scheinen. ein paar möwen und pelikane staksen im sand um sie herum.

stimmungsvoller abschied

unser letzter tag in valparaiso verabschiedet sich. die sonne verschwindet langsam hinter dem horizont und taucht alles in ein megasoftes, warmes, rosa licht. am strand zeichnen sich nur noch dunkle silhouetten in der ferne ab. wir lassen die letzten tage noch einmal revue passieren und sind uns einig: wir mögen die stadt und könnten locker noch ein paar tage mehr hier verbringen mit der gewissheit, dass es bestimmt nicht langweilig wird.
 
 

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